Autor: adm

Ein Zeitanker für die frühen arabischen Wissenschaften: Almagest-Übersetzungen

von Heribert Illig

So könnte man es sich vorstellen: Ein europäischer Christ übersetzt einen arabischen Text, der noch keine 30 Jahre alt ist, also nicht länger als eine Generation zurückliegt. Etwa so:

„Das erste greifbare Datum im Leben Michael Scotus’ ist der 18. August 1217. Zu diesem Zeitpunkt vollendete er die Übersetzung eines arabischen astronomischen Werkes, und zwar des Kitāb fi’l-haiʾa des Alpetragius, der im 12. Jahrhundert in al-Andalus lebte“ [wiki: Michael Scotus] und der 1204 gestorben ist.

Tatsächlich verhält es sich meist ganz anders. Die Übersetzungen erfolgten oft erst nach Jahrhunderten. Hier einige Distanzangaben:

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Dioskurides und der frühe Islam

von Heribert Illig

„Das Geschenk war ganz nach dem Geschmack des Kalifen: eine kunstvoll illustrierte Handschrift mit dem Titel »De Materia Medica«. Das Buch »Über die Heilmittel« war die umfassendste Darstellung von Arzneimitteln, ihren Wirkungen und Anwendungen, die Mitte des 10. Jahrhunderts existierte. Verfasst hatte sie gut 800 Jahre zuvor Pedanius Dioskurides, ein griechischer Arzt im Dienst des römischen Heeres und der berühmteste Pharmakologe des Altertums.

Der byzantinische Kaiser Konstantin VIII. hatte das Werk in den äußersten Westen der arabischen Welt geschickt: nach Córdoba, ins Zentrum des Kalifats von al-Andalus, das sich zu dieser Zeit über den größten Teil der Iberischen Halbinsel erstreckte. Das Buch ging zu Händen von Kalif al-Hakam II. (915 bis 976), Herrscher über al-Andalus und Förderer von Kunst und Kultur. 400 000 Schriften soll seine Bibliothek umfasst haben. Damit stand Córdoba, im 10. Jahrhundert die größte Stadt Europas, den Bibliotheken in den islamischen Bildungshochburgen Bagdad oder Kairo in nichts nach.

Dass das wertvolle Geschenk auf Griechisch verfasst war, schreckte den Kalifen nicht. Er stellte eine Gelehrtenkommission zusammen, die den Text ins Arabische übersetzen sollte. Mit dabei: sein jüdischer Wesir Chasdai ibn Schaprut, studierter Mediziner, Diplomat und hoher Würdenträger der Staatsverwaltung“ [Lenzen].

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Slawen und Germanen im Frühmittelalter

Eine Notiz von Heribert Illig

Ein Knochen mit eingeritzten Runen ist in Tschechien zusammen mit frühslawischer Keramik gefunden worden. Es handelt sich um die letzten sechs Zeichen des germanischen Futharks, dem Runenbestand von 24 Zeichen.

Ungelenke Zeichen. Sechs Runen des altgermanischen Alphabets wurden auf einem Viehknochen eingeritzt.
Ungelenke Zeichen. Sechs Runen des altgermanischen Alphabets wurden auf einem Viehknochen eingeritzt.

„Die ‚New York Times‘ weist darauf hin, dass sich tschechische Nationalisten von der archäologischen Studie provoziert fühlten, weil sie die Erzählung der von zwei klar unterscheidbaren ethno-linguistischen Gruppen in dieser Region infrage stellt. Schließlich ist an der Entdeckung auch bedeutend, dass sie der Pionierrolle, die die byzantinischen Gelehrten Kyrill und Method für die Alphabetisierung der Slawen hatten, eine neue Facette hinzufügt. Die beiden Mönche aus Thessaloniki hatten ein eigenes Alphabet, das Glagolitische, erfunden, um Bibeltexte ins Slawische zu übersetzen und die ‚Ungläubigen‘ im Großmährischen Reich zu christianisieren. Nun deutet manches darauf hin, dass es den ersten Schriftkontakt dort schon etwa 300 Jahre früher, durch die Germanen, gegeben haben könnte“ [Murasov].

Diese 300-Jahres-Differenz zwischen Germanen und Slawen hat Manfred Zeller bereits 1996 beobachtet. Leider ist niemand seinem interessanten Hinweis gefolgt.

Literatur

Murasov, Eva (2021): Archäologen entdecken uralte Runen-Inschrift; Der Tagesspiegel, 24. 05. oder früher

Zeller, Manfred (1996): Die Nordwestslawen im Frühmittelalter; Zeitensprünge, 8 (4) 499-524

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