Virtuelle, aber rekonstruierbare Panzerreiter

von Heribert Illig

Das Freilichtlabor Lauresham im UNESCO-Welterbe Areal Kloster Lorsch benennt ein spektakuläres Unternehmen: die Rekonstruktion der kompletten Ausrüstung eines karolingischen Panzerreiters. Unterstützt wird es von den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Da stellt sich die Frage, warum diese Wiederherstellung als besonders schwierig bezeichnet wird. Claus Kropp wird als Museumsleiter befragt:

„Zwei Schwerter, eine Flügelkopflanze, Helm, Schild, ein Messer sowie Schwertscheiden und -gürtel haben Kropp und sein Team schon nach alten Vorbildern und mit dem damals üblichen Handwerkszeug fertiggestellt. »Wir haben mit den einfachen Dingen angefangen«, sagt Kropp. Die Rüstung und die Ausstattung des Pferdes werden knifflige Aufgaben. Das sind als archäologische Funde nur einzelne Teile oder auch gar nichts mehr erhalten. Hier müssen sich die Forscher anhand von schriftlichen oder bildlichen Überlieferungen eine Vorstellung erarbeiten. »Bis jedes Detail geklärt ist, dauert es wohl noch fünf Jahre«, sagt der Mittelalterarchäologe.“ [Stark 2020]

Das überrascht, wurde doch 2014 in Erinnerung an Karls Todesjahr ein komplett ausgestatteter Panzerreiter im Aachener Rathaus aufgestellt. Aber er war wohl nur eine mangelhafte Rekonstruktion.

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Belässt es Armin Laschet bei Karl dem Großen?

Eine Glosse von Heribert Illig

Im Arbeitszimmer des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten steht nicht nur eine Büste, sondern eine veritable goldfarbene Statue von Karl dem Großen. Das muss nicht überraschen, reichte doch Karls Reich über den Rhein bis nach Düsseldorf. Und die Hauptstadt darf stolz sein: Sie ist zwar erst im Jahr 1288 und damit 474 Jahre nach Karls Ableben zur Stadt erhoben worden und gilt noch heute ihrem Namen nach als Dorf. Aber sie besitzt trotzdem eine güldene Karlsstatue. Damit ist Düsseldorf gleichauf mit Frankfurt, das vor vier Jahren zu einer neuen Karlsstatue auf ihrer ältesten Mainbrücke kam, der allerdings heuer die Schwertklinge geklaut worden ist. In Berlin könnte das nicht passieren. 2003 wurde der große Karl aus dem graubündischen Müstair nachgegossen, um das Deutsche Historische Museum zu zieren. Dass diese Figur vier Jahrhunderte jünger ist als lange gedacht, stört niemanden. Und diese Figur trägt Reichsapfel und Zepter, ist also gegen Schwerträuber gefeit.

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Ein Dokument zum Übergang von Spätantike zum Mittelalter – und zum Schmunzeln

Ein ebenso lachhafter wie gewichtiger Fund von Heribert Illig

Es geht um die Beschreibung einer frühchristlichen Basilika in Triest, ausgegraben in der Via Madonna del Mare. Es gibt praktisch nur noch Reste der Mosaikböden aus der Zeit um 400 und um 520. Triest ist anders als das nur rund 35 km entfernte Aquileia nicht für frühe Kirchenkunst bekannt. Aber die Ausgrabung hat dazu neue Aufschlüsse erbracht. Dazu zunächst dieser unfreiwillig komische Text.

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Pharao Mitterand und Kaiser Augustus – Ein Nachtrag zu „Gregors Kalenderreform 1582“

von Heribert Illig

François Mitterand, Präsident von Frankreich von 1981 bis 1995, hat mit Amtsbeginn ein gewaltiges Bauprogramm angestoßen. Macht so etwas nur ein Mann, der sich noch viele Jahre an der Macht wähnt? Weit gefehlt. Wie nach seinem Tod entdeckte Dokumente zeigen, war ihm bei Amtsübernahme sein Prostatakrebs bereits bekannt. Die Ärzte gaben ihm eine infauste Prognose: noch drei Jahre. Doch Mitterand ließ wiederholt Dokumente fälschen, um trotzdem an der Macht bleiben zu können. Und so konnte er seine erste Amtsperiode 1981 und die zweite 1988 antreten und 1995 erfolgreich beenden.

Hier geht es nicht um sein Wirken als Präsident, ebenso wenig um seine Rolle in Vichy-Frankreich oder um sein bigamisches Leben, sondern um die Grands Travaux, die großen Arbeiten, die er gleich nach Amtsantritt ankündigte. Dazu gehören Bauten, die in Paris entstanden, um Frankreichs Rolle in Kunst, Politik und Ökonomie am Ende des 20. Jahrhunderts zu symbolisieren. Mitterand begann absolute Großprojekte: die Pyramide des Louvre mit einem kompletten Untergeschoss und neuen Museumssälen (1985–1989), das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft (eingeweiht 1988), die Opéra Bastille (1984–1989), den Grande Arche de La Défense (1984–1989) – schließlich sollte die 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution gebührend begangen werden. Die Bibliothèque nationale de France wurde schließlich 1996 eröffnet.

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In zweiter, erweiterter Auflage: Gregors Kalenderkorrektur 1582. Cäsar, Nikäa und zwei päpstliche Notlügen

von Heribert Illig

Unser Kalender scheint unverrückbar festgelegt zu sein. Trotzdem: Schon einfache Rückrechnung zeigt, dass sich zwischen Cäsar und Papst Gregor XIII. ein Fehler eingeschlichen hat. Dieser Fehler lässt sich nachweisen: rechnerisch, überlieferungsmäßig und sogar archäologisch – hier in diesen Buch.

Die Konsequenz daraus: Unsere Zeitachse, also unser chronologisches Gerüst, ist falsch konstruiert. Zwischen 45 v. Chr. und 1582 n. Chr. enthält sie zu viel Zeit. Warum, wieso und seit wann? Auch darüber informiert dieses Buch.

Dr. Heribert Illig beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit Fragen der Chronologiekritik. Überzählige Zeit im frühen Mittelalter ist nicht das einzige Thema, aber von allen das am meisten umkämpfte.

18,90 €
265 Seiten, 14 Abb., Paperback
2. stark erweiterte Auflage, Juli 2020
ISBN 978-3928-85256-2

Und ab und zu ein weißer Elefant – Von Rilke über Heine zum großen Karl

von Heribert Illig

Es gibt einen albernen Witz, bei dem es um die Empfindungen eines Menschen geht, den ein Feuerwehrauto verfolgt, gejagt von einem Hirsch, einem Löwen und einem weißen Elefanten. Er bekommt dann den guten Rat, vom Kinderkarussell abzusteigen und deutlich weniger zu trinken. Ein kleiner Gag, den Rainer Maria Rilke viel früher in deutlich schönere Verse gegossen hat, etwa:

„Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.“

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Ein neues Buch herausgegeben von Heribert Illig: Der Schatten der Antike

herausgegeben von Heribert Illig

Das bislang fehlende Schlusskapitel der „Kulturgeschichte der Antike“ von Egon Friedell.

Es war ein unersetzlicher Verlust, dass Egon Friedell seine „Kulturgeschichte des Altertums“ wegen des Nazi-Terrors nicht abschließen konnte. Das dritte und letzte Kapitel des zweiten Bandes – heute als „Kulturgeschichte Griechenlands“ im Handel – blieb ungeschrieben. Doch nun kann die Rohfassung dieses Kapitels aus der Handschrift publiziert werden. Über 80 Jahre nach Friedells Freitod lässt sich verfolgen, wie er das Kapitel teils skizziert, teils ausformuliert hat. Der Umriss des gesamten Werkes ist gefunden.

Heribert Illig hat über Friedell promoviert, das Manuskript aufgespürt, kommentiert und mit weiteren Ergänzungen zum Druck gebracht.

157 Seiten, 9 Abb., Pb.
ISBN 978-3-9288525-55
Preis 14,80 €

 

Rezensionen

Vollendet

Friedells „Altertums“-Werk ist komplett

Von Hildegard Lorenz [Münchner Merkur, 24. 04. 2020]

Bücher haben ihre Schicksale: Als Heribert Illig 1984 die zeitweise mit Egon Friedells Freund Walther Schneider liierte Dorothea Zeemann besuchte und auf ihre Ermunterung hin einen Koffer unter dem Bett hervorzog, machte er einen Sensationsfund: Er entdeckte Friedells Konzeption des bisher fehlenden Schlusskapitels seiner „Kulturgeschichte des Altertums“. Die Ausführung blieb ungeschrieben, da der Autor 1938, mitten in der Arbeit, im Freitod den einzigen Ausweg sah, der Verhaftung durch die NS-Schergen zu entgehen.

Mit Bleistift, aber mehrfarbig konzipiert, waren in den Unterlagen die Lesefrüchte aus Primär- und Sekundarliteratur mit Stellenangaben verzeichnet, manchmal auch schon im unnachahmlich leicht aphoristischen Denkstil ausformulierte Gedanken. So wie dieser zum Hellenismus: „Das Leben wird privat: das Glück im Winkel, die kleinen Freuden des Alltags und die großen Schmerzen der Liebe als Sinn des Lebens.“

Erst jetzt ist diese Konzeption erstmals erschienen, mit der man der auf Zettelkästen (allesamt verschollen!) basierenden Arbeitsweise des scheinbar so leichtfüßig-launigen Friedell auf die Spur kommt. Ergänzt wird der Band durch historische Fotos, der Ablichtung von Friedells Handschrift und sachkundigen Nachträgen des Herausgebers Heribert Illig.

Eine ebenso ausführliche wie zutreffende Rezension findet sich unter
https://www.kultur-port.de/index.php/kolumne/buch/16279-egon-friedell-der-schatten-der-antike-.html

Wikipedia – das nicht objektive Lexikon

von Heribert Illig

Hier wird noch einmal, gewissermaßen im historischen Rückblick, der Umgang bei Wikipedia mit abweichenden Meinungen dokumentiert und kommentiert. Wenn man sich erinnert, wie die Wissenschaftler und die Wikipedia, in diesem Fall zum Teil in Personalunion, ihren Kontrahenten verleumdet haben, dann bestätigt sich: Wer keine guten Argumente hat, muss untergriffig werden!

Lange Zeit war die Wikipedia-Seite „Heribert Illig“ eine hart umkämpfte, für mich beleidigende Internet-Seite. Deshalb habe ich sie als direkt Betroffener viele Jahre lang nicht aufgerufen. Erst besondere Vorkommnisse und dann der „Spiegel[2010] hoben mir ins Bewusstsein, dass um diese Seite ein regelrechter Krieg getobt hat [vgl. Illig 2010a]. Dabei ging es um Administratoren, Hausordnung, Gruppenbildung, erhebliche persönliche Animositäten, nicht zuletzt auch um Sachfragen. Als markantes Beispiel wurde Henriette Fiebig vorgestellt, zugleich angestellte „community Assistant“ des spendensammelnden Vereins „Wikimedia Deutschland“ und ehrenamtliche Administratorin der Wikipedia. Ausgerechnet sie fühlte sich berufen, Professoren gegen meine These zu verteidigen. Und wie! Sie wollte nichts als die Wahrheit.

„»Irgendwann hast du geschnallt: Wir suchen da letztlich die Wahrheit. Die gibt’s aber nicht.« Eigentlich habe sie dieses Rechthabenwollen abgelegt, nachdem sie sich zweieinhalb Jahre mit den »Pappköppen im ‚erfundenen Mittelalter‘ herumgeschlagen« habe, den Anhängern einer Verschwörungstheorie, die besagt, dass die Jahre 614 bis 911 nie existiert hätten. Sie hat sich damals durchgesetzt [Rohr, 154].“

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Das neue Buch von Heribert Illig: Alte Skulptur verjüngt

Alte Skulptur verjüngt

Christlicher Neuanfang nach 1000 in Stein, Holz und Bronze

von Heribert Illig

Je nach Werkstoff hätte christliche Kunst zu ganz unterschiedlichen Zeiten begonnen. Holzkruzifixe ab 750, Steinplastik ab 980, obwohl die Bildhauer erst ab 1080 an Kirchen arbeiten, und große Bronzegüsse ab 790, kleinere erst ab 1080. Wieso? Diese Arbeit zeigt, wie wegen vier zentraler Fehldatierungen in Aachen, Hildesheim, Köln und Mainz – drei historisch, eine wissenschaftlich bedingt – eine ganze Kunstepoche in ihrer Entwicklung rätselhaft geblieben ist. Das wird mit Hilfe von weit über 100 Kunstwerken aufgeklärt.

Dr. Heribert Illig, geb. 1947, hat sich lange mit den Geschichtsabläufen in Vorzeit und Antike beschäftigt. Seit 1991 vertritt und bekräftigt er die These, die Geschichte des frühen Mittelalters sei in großen Teilen fiktiv; seitdem wird er als Chronologiekritiker geächtet. Gleichwohl beschäftigen ihn chronologische wie kunsthistorische Aspekte auch zu anderen Zeiten.

1. Auflage November 2019
270 Seiten, 179 Abbildungen, Pb.
ISBN 978-3-928852-54-8
18,90 €

China verlängert seine Geschichte

Eine Spotttirade von Heribert Illig

„Die Vergangenheit ist der Schatten, den die Gegenwart wirft“ [Friedell 1936].

Selbst in historischen Maßstäben hat diese Reaktion zu lange gedauert. Vor über 20 Jahren hat der Russe Anatoli Fomenko, eigentlich Topologe und damit Mathematikprofessor, behauptet, die chinesische Geschichte samt ihren altehrwürdigen Kunstwerken und der Schrift seien eine Erfindung jesuitischer Missionare und damit kaum älter als 400 Jahre [Fomenko].

Er hat damit gezeigt, dass die Historie nur Knetmasse in den Händen der Politiker ist. Erster Schritt: Geschichtsschreibung mehrt den Ruhm des eigenen Landes, indem sie die Vergangenheit politischer Kontrahenten löscht! Mittlerweile ist ihm zufolge Jesus auf der Krim geboren, wohl als Russe, und zwar im 11. Jahrhundert nach Christus. Das ist der zweite Schritt: Die eigene Geschichte zu verlängern und um wesentliche Ereignisse anzureichern!

Das machen ihm nun die Chinesen nach. Bislang wusste jeder Heranwachsende, dass China vier große Erfindungen gemacht hat: Papier, Kompass, Schießpulver und Buchdruck, außerdem die Schubkarre. Mittlerweile hat die chinesische Regierung ein Team von 100 Wissenschaftlern vereint, um endlich die vollständige Liste aller relevanten Erfindungen Chinas zusammenstellen. 88 ist die neue Zahl. Achtundachtzig Erfindungen wie Fußball, Golf, Pizza und Pasta.

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Weitere Wirrungen um die ‚Fossa Carolina‘

von Heribert Illig

Im August gab es einmal mehr Aufregung um den Karlsgraben. Dabei hätten die Spezialisten gedacht, mit der 14C-Bestimmungen der im Kanal verbauten Hölzer seien alle Zweifel beseitigt. Doch es war Wolf Pecher, der einmal mehr für die Römer als Baumeister plädiert. Er hält die Führung der Kanal­-Trasse für „stümperhaft“, weil die erhaltenen Wälle klug geführt seien, dann aber die Trasse mit einer „abrupten 90-Grad-Wende“ in den Sumpf geführt worden sei. Um dieses Dilemma zu beheben, imaginiert er nach den römischen Baumeistern noch fränkische Kanalbauer, für ihn „Karls Schlamm­wutzler“.

Er liest er aus den Reichsannalen heraus, dass sie „Bezug auf ein bereits vorhandenes Bauwerk nehmen“ [Pecher]. Doch das lässt sich trotz Zitierens der entsprechenden Annalen-Passage nicht nachvollziehen.

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Die Umlenkrolle beim Pyramidenbau

Ein Hinweis von Heribert Illig dank der Achtsamkeit von Roland Welcker

Wer Bücher oder Fernsehsendungen zum Pyramidenbau konsultiert, greift sich regelmäßig an den Kopf. Völlig unbeirrt werden da Arbeiterkolonnen gezeigt, die auf mehr oder weniger steilen Rampen im Gleichschritt tonnenschwere Steinquader nach oben ziehen. Der Nachweis von Franz Löhner und mir, dass es sich hier um eine technische Unmöglichkeit handelt, störte weder Ägyptologen noch Techniker. Umso verblüffender war ein beiläufiger Satz in einer technikorientierten Fernsehsendung. Gemeint ist

ZDF info am 18. 08. 2019; 20:15 – 21:00
Hightech für den Alltag. Aufzug, Rolltreppe & Co.
Ein Film von Petra Thurn; © 2019
Dort war bei ca. Minute 35 zu hören:

„Die ersten Lastenaufzüge, wo Seile über Winden laufen, gibt es schon vor 4600 Jahren beim Pyramidenbau“,

begleitet von einer eigenen, animierten Grafik. Und selbst der Generaldirektor des Deutschen Museums, der Biophysiker Wolfgang Heckl, spannt seinen Berichtsbogen von den Pyramiden bis in die nähere Zukunft.

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Ein römisches Marschlager in Bielefeld-Sennestadt / Stieghorst

von Andreas Otte

Das kürzlich nachgewiesene Marschlager liegt in der Oerlinghauser Senne unmittelbar am Menkhauser Bach. Der Bach bildet gleichzeitig die Grenze zwischen der Stadt Bielefeld und dem Kreis Lippe bzw. der Stadt Oerlinghausen. Das besondere an diesem Fund ist:

  • das Gelände wurde zum größten Teil nie überbaut oder landwirtschaftlich genutzt
  • der Wall ist daher noch in großen Teilen vorhanden
  • es zeichnen sich zwei Clavicula-Tore ab

In römischer Zeit dürfte sich auf den Gelände ein lockerer Bestand von niedrigen Birken und Eichen in einer Graslandschaft am Rande des Teutoburger Waldes befunden haben. Im 19. Jh. wurde das Gelände aufgeforstet. Hierfür musste der Podsolboden bzw. Ortstein des Senner Sandbodens maschinell aufgebrochen werden, damit die Wurzeln der Bäume überhaupt greifen konnten.

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Electric Universe UK 2019 – Dynamic Earth

von Andreas Otte

Wie schon im letzten Jahr, bestand auch die diesjährige Konferenz aus zwei Teilen: einer Konferenz in Bath (Universität Bath, 6.7.-7.7.) und einem Symposium auf der Peppermill Barn (Quantock Hills, 9.7. – 10.7.). Dazwischen lag, wie letztjährig, eine Busfahrt von Bath in die Quantock Hills mit zwei Besuchsstationen (Kathedrale von Wells mit Vortrag und Glastonbury Tor oder Abbey). Die Zahl der Konferenz-Teilnehmer in Bath betrug – wie im vorherigen Jahr – ca. 150. Die Zahl der Teilnehmer des Symposiums wurde auf 40 reduziert, um die vorhandenen Räumlichkeiten und Ressourcen nicht zu überlasten. Lucy Wyatt organisierte die gesamte Veranstaltung. Adrian Gilbert war dieses Jahr nicht (mehr) dabei.

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Verschwörungstheorien: Eva Herman und Kloster Dalheim

von Heribert Illig

Eva Herman gehört zu den Autorinnen, von denen ich kein neues Buch erwarte, das hier zu besprechen wäre. Sie war laut Wikipedia einst die „beliebteste Moderatorin Deutschlands“ und vertritt heute als Publizistin „rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Thesen“. Heuer veröffentlichte sie einen aufregend klingenden Titel: Blutgericht Europa. Karl der Große als Ursache für den Untergang Deutschlands und Europas. Ich bespreche aber nicht das Buch, sondern ein 71 Minuten langes Interview, das Oliver Janich mit ihr geführt hat und auf Youtube zu hören ist:

https://www.youtube.com/watch?v=1eSKJmM9neQ&feature=share

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Notre-Dame und Charlemagne

von Heribert Illig

Die Schäden des fürchterlichen Brandes der Kathedrale Notre-Dame von Paris werden in Jahren noch nicht behoben sein. Aber etwas Gutes hatten sie denn doch. Der deutsch-französische Sender „Arte“ sendete am nächsten Abend nicht nur Berlioz‘ Requiem, aufgeführt in Notre-Dame, sondern auch eine fundierte Sendung über die gotischen Kathedralen [Le Goff/Glassman]. Der Film stammt aus dem Jahr 2010 und bringt so wesentliche Fakten, dass sie hier wiederholt werden:

Gotische Kathedralen enthalten – wie im Film Prof. Paul Benoît ausführte ‒ viel mehr Eisen als gedacht, bis zu 35 Tonnen. Dieses Eisen war in der notwendigen Qualität (ähnlich heutigem Baustahl) nicht mehr von Hand zu schmieden, weil das nur bis zu einem Stangendurchmesser von 30 mm geht. Doch ab Mitte des 12. Jh. gab es wasserbetriebene Hammerwerke; eines ist im Kloster Fontenay nachgewiesen und nachgebaut. Damit ließen sich auch stärkere, qualitativ gute Eisenstangen schmieden. Außerdem ließ sich im Film zeigen, dass der Chor von Notre-Dame von Anfang an mit Strebewerk gestützt worden ist. Demnach ist die Überlieferung richtig, dass an dieser Kirche bereits 1160 oder in den direkt nachfolgenden Jahren die ersten Strebebögen der Gotik errichtet worden sind. An der Kathedrale von Noyon, die 1157 begonnen worden ist, fehlten sie noch.

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Kölner Großplastik vor 1100? Zu den Anfängen romanischer Skulptur in Deutschland

von Heribert Illig

Es war oft genug davon die Rede, dass es Großplastik unter den Ottonen gegeben habe und unter den Karolingern gegeben haben müsse. Wer dagegen die Kunstwerke der mitteleuropäischen Romanik mustert, kann nur erstaunt feststellen, dass ihm nichts dergleichen vor 1100 oder zumindest vor 1080 begegnet. Woher also stammt diese offensichtlich falsche Vorstellung?

Dazu muss man bis zu einem Bruder Kaiser Ottos d. Gr. zurückgehen, bis hin zu Bruno, der von 953 bis 965 als Erzbischof von Köln sein Amt versieht. Er gründet – so die Schriftquellen – außerhalb der römischen Stadtmauern das Kloster St. Pantaleon, in dem er bestattet werden will und das er deshalb in seinem Testament bedenkt. Dank dieser Zuwendung ebenso wie dank der Unterstützung durch Kaiserin Theophanu entsteht hier neben Gernrode und St. Michael in Hildesheim einer der großen Kirchenbauten der Ottonen. Es gibt präzise Baudaten. St. Pantaleon wurde 964 „nach einem Einsturz des alten Oratoriums 966 im ganzen neu gebaut″ [Binding 1991, 283].

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Das Gero-Kreuz ‒ aus 10., 11. oder 12. Jh.?

von Heribert Illig

2012 hat unter Leitung von Prof. Bruno Reudenbach die Referentin Johanna Hoffmann über das Gero-Kreuz als „Der älteste Monumentalkruzifixus“ referiert und dabei folgende Punkte hervorgehoben:

Der Korpus misst 187 cm in der Höhe und 166 cm in der Armspanne. Der vermutliche Stifter sei Erzbischof Gero, doch gibt es eine kleine Datierungskontroverse zwischen 970/76 und um 1000 (G. Binding). „Das ‚Gero-Kreuz ist das älteste erhaltene Monumentalkruzifix“. Es wird auf den Wunderbericht des Thietmar von Merseburg hingewiesen, wonach Gero durch Einlegen einer Hostie in den Riss im Haupt der Skulptur diesen schließen konnte. Die kolportierte Behauptung, im Hinterkopf habe sich ein Sepulchrum (Aufbewahrungsort für Reliquien) erhalten, ist längst widerlegt. „Ältere groß-plastische Bilder des Gekreuzigten sind aus karolingischer und merowingischer Zeit in schriftlichen Quellen bezeugt, jedoch nicht selbst erhalten“ [Hoffmann]. Soweit der trockene Bericht in diesem Pro-Seminar, der Literatur erst ab 1964 benennt. Ergänzend: Die auffällige goldene Strahlensonne hinter dem Kreuz stammt erst von 1683 und fehlt auf unserer Aufnahme.

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Fossa Carolina – die unendliche Geschichte

Antwort auf Roland Knauer durch Heribert Illig

Knauer, Roland (2019): „Fragen zum Graben · Vor 1200 Jahren sollte der Karlsgraben Nordsee und Schwarzes Meer verbinden – nun wird das Meisterwerk erforscht“; FAZ, 1. 4. [enthalten im Frankfurter Allgemeine Archiv; hieraus sind die Zitate, sofern nicht anders vermerkt]

Vor kurzem ist wieder einmal ein Artikel zur Erforschung des Karls-Kanals zwischen Nordsee und Schwarzem Meer samt Mittelmeer erschienen – darunter geht es wohl für die überragende Karolingerzeit nicht mehr: „die Verbindung zum Schwarzen Meer und damit auch ins Mittelmeer“. Als wäre jemals ein Potentat auf die wirre Idee verfallen, 2.800 km die Donau bis zu ihrer Mündung durch Feindesland hinabzufahren, um nach einer noch viel größeren Strecke über Schwarzes Meer, Marmara-Meer, Ägäis, Ionisches Meer und Adria das damals karolingische Venedig zu erreichen…. Etwas konkreter gefasst verläuft der unvollendete Kanal zwischen Altmühl und Schwäbischer Rezat. Dabei gibt es vor Beginn der neuen Grabungssaison noch gar nichts Neues zu berichten, sofern es nicht aus den Labors stammt.

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