Kategorie: Antike

Theudelinde und das Ende der Arianer. Zu den Zeiten bis 614, Teil 1

von Heribert Illig

Bis heute gibt es zum Verschwinden der arianischen Christen manch skurrile Meinung. So äußert sich Saskia Kerschbaum zu den katholischen Franken, als wären sie arianisch gewesen: „Die anderen arianischen Reiche gingen im Laufe des 7. Jahrhunderts unter.“ Oder laut Historischem Lexikon der Schweiz ist der Arianismus „im Abendland noch bis ins 7. Jh. belegt“ [hls]. Obendrein hätte Bonifaz von Papst Gregor II. noch 722, also im 8. Jh. den Auftrag erhalten, nicht nur heidnischen und iroschottischen Glauben, sondern auch arianische Traditionen zu beseitigen [Ökum. Heilig]. Nun weiß man nur selten, ob ein ganzes Volk seinen Glauben gewechselt hat; aber bei den Germanen zählt die Konversion des Königs, gewissermaßen pars pro toto oder auch: cuius regio, eius religio.

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Maß für Maß: Leuge und Meter

von Heribert Illig

Es geht um zwei Maße mit Bezug zum Erdumfang; das eine in Zeiten der Aufklärung definiert, das andere viel früher entstanden.

Der Meter

Wir kennen ihn als den 40millionstel Teil des Erdumfangs. Doch wie ihn bestimmen? Es gab mehrere Versuche, bis dann Jean Picard (1620–1682) in den Jahren 1669/70 durch möglichst exakte Landvermessung ein klares Ergebnis liefern konnte: durch Abschreiten einer Basislinie und dann steter Verlängerung mit geodätischen Methoden, vor allem der Triangulation. Er vermaß ein Grad von den 360° des Erdumfangs; das ergab 111,210 km. (Damals gab es noch keine Definition des Meters und des Kilometers, weshalb in Toisen – einem Maß von ca. 2 m – gemessen worden ist.) Daraus konnte der Erdradius mit 6.371,9 km und der Erdumfang mit ca. 40.035,6 km errechnet werden. Selbstverständlich war damals die eigentliche Form der Erde nicht bekannt, die nicht nur abgeflacht, sondern auch leicht ‚verbeult‘ ist, weshalb man heute nicht mehr von der Erdkugel, sondern von einem Geoid spricht.

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China und Russland: Nationalistische Geschichtsfälschung

von Heribert Illig

Schon immer ist Geschichte von den Siegern geschrieben worden. Dafür muss man nur die Nationalepen wie die Nationalgeschichte vieler Völker und Zeiten betrachten. Wobei oft nicht mehr erkennbar ist, wo Geschichte geschönt worden ist oder wann eine Niederlage dem Kollektivbewusstsein nicht mehr erträglich war.

So mag es auch dem Mathematik-Professor Anatoli Fomenko (*1945) gegangen sein, der im Niedergang der Sowjetunion damit begann, Geschichtsabläufe zu vergleichen und sich wiederholende Muster zu finden glaubte. Im Ergebnis stellte er fest, ein Block von etwa 300 Jahren wiederhole sich mehrmals in der Geschichte. Das gelte für frühes und hohes Mittelalter, für Römerzeit und Byzanz, außerdem für jüdische Geschichte. Geschichte als Konstrukt – der Gedanke war nicht neu, aber nun weitete er sich zu neuen Dimensionen. Im Frühjahr 1995 erschien sein erstes englischsprachiges Buch zu dieser Thematik. Reaktionen von Mediävisten waren zunächst nicht zu lesen. Dafür schrieb ich vor dem 2. April 1995 meine Rezension, in der ich zunächst Methodik und Resultate schilderte. Auffällig war, dass ihm Regentenlisten ganz vorrangig waren, dazu Rückrechnungen astronomischer Ereignisse, während Archäologie nur eine marginale Rolle spielte. Zur Illustration: Fomenko setzt Christus und Papst Gregor VII. gleich und errechnet aus einer astronomischen Konstellation die Geburt Jesu für das Jahr 1053 n. Chr.! Eine ‚Schlussfolgerung‘ daraus: Die Pyramiden von Gizeh und die gotischen Kathedralen in Europa sind zeitgleich entstanden. Doch das Besondere war: Fomenko ist ein international anerkannter Spezialist für bestimmte Gebiete der Mathematik wie etwa Topologie; er hat(te) einen Lehrstuhl für Mathematik an der Lomonossow-Universität in Moskau; Sympathisanten wie Garry Kasparov (Schachweltmeister von 1985 bis 2000) hoben sein Renommee im Land.

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Die Anfänge der Masoreten

von Heribert Illig

Die hebräische Tora, also die fünf Bücher Mose wurden und werden von jüdischer Gelehrsamkeit in einem Maße hochgehalten, wie es von den christlichen Kirchen nicht erreicht wird. Seit dem +1. Jh. ist ihr Text in Bezug auf die Konsonanten abgesichert und unveränderlich. Aber Glaube und Geist ruhten nicht, immer besorgt, das Wort Gottes könnte in irgendeiner Weise entstellt werden. Deshalb entwickelten die sog. Masoreten ein präzises System von Vokal- und Betonungszeichen, um die bei einer reinen Konsonantenschrift ständig möglichen Bedeutungsveränderungen zu vermeiden. Das Absichern des Textes wurde immer weiter getrieben, wurden doch die Worte und sogar die Buchstaben abgezählt (numerische Masora) [Achilles/10]. Eine neue Handschrift wird verworfen, wenn sie nicht exakt den vorgegebenen Zahlen entspricht oder sonstige Fehler enthält. Und die Masoreten vokalisierten nicht nur das Konsonantenkontinuum der hebräischen Bibel und gaben Hinweise für den mündlichen Vortrag. Beigefügt wurde die kleine und große Masora. Die kleine besteht aus Zeichen zwischen den Spalten. Dazu gehört z.B. die Angabe, dass sechs Mal in der hebräischen Bibel ein Satz mit den Worten „Da sprach JHWH zu ihm“ steht [Achilles/5]. Die große Masora über und unter den Spalten gibt dann die entsprechenden Stellen an. Das gilt für viele andere Begriffe, Worte und Wendungen [Achilles/9]. So entstand ein erstaunlicher Referenz­apparat an Querverweisen, der zu jedem selten gebrauchten Wort die Häufigkeit und die genauen Stellenangabe liefert. So gesehen, ist in einer Bibelrolle mehr als ein ganzes word-Programm enthalten [Achilles; auch JE: Masorah].

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Ein Dokument zum Übergang von Spätantike zum Mittelalter – und zum Schmunzeln

Ein ebenso lachhafter wie gewichtiger Fund von Heribert Illig

Es geht um die Beschreibung einer frühchristlichen Basilika in Triest, ausgegraben in der Via Madonna del Mare. Es gibt praktisch nur noch Reste der Mosaikböden aus der Zeit um 400 und um 520. Triest ist anders als das nur rund 35 km entfernte Aquileia nicht für frühe Kirchenkunst bekannt. Aber die Ausgrabung hat dazu neue Aufschlüsse erbracht. Dazu zunächst dieser unfreiwillig komische Text.

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Pharao Mitterand und Kaiser Augustus – Ein Nachtrag zu „Gregors Kalenderreform 1582“

von Heribert Illig

François Mitterand, Präsident von Frankreich von 1981 bis 1995, hat mit Amtsbeginn ein gewaltiges Bauprogramm angestoßen. Macht so etwas nur ein Mann, der sich noch viele Jahre an der Macht wähnt? Weit gefehlt. Wie nach seinem Tod entdeckte Dokumente zeigen, war ihm bei Amtsübernahme sein Prostatakrebs bereits bekannt. Die Ärzte gaben ihm eine infauste Prognose: noch drei Jahre. Doch Mitterand ließ wiederholt Dokumente fälschen, um trotzdem an der Macht bleiben zu können. Und so konnte er seine erste Amtsperiode 1981 und die zweite 1988 antreten und 1995 erfolgreich beenden.

Hier geht es nicht um sein Wirken als Präsident, ebenso wenig um seine Rolle in Vichy-Frankreich oder um sein bigamisches Leben, sondern um die Grands Travaux, die großen Arbeiten, die er gleich nach Amtsantritt ankündigte. Dazu gehören Bauten, die in Paris entstanden, um Frankreichs Rolle in Kunst, Politik und Ökonomie am Ende des 20. Jahrhunderts zu symbolisieren. Mitterand begann absolute Großprojekte: die Pyramide des Louvre mit einem kompletten Untergeschoss und neuen Museumssälen (1985–1989), das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft (eingeweiht 1988), die Opéra Bastille (1984–1989), den Grande Arche de La Défense (1984–1989) – schließlich sollte die 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution gebührend begangen werden. Die Bibliothèque nationale de France wurde schließlich 1996 eröffnet.

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Ein neues Buch herausgegeben von Heribert Illig: Der Schatten der Antike

herausgegeben von Heribert Illig

Das bislang fehlende Schlusskapitel der „Kulturgeschichte der Antike“ von Egon Friedell.

Es war ein unersetzlicher Verlust, dass Egon Friedell seine „Kulturgeschichte des Altertums“ wegen des Nazi-Terrors nicht abschließen konnte. Das dritte und letzte Kapitel des zweiten Bandes – heute als „Kulturgeschichte Griechenlands“ im Handel – blieb ungeschrieben. Doch nun kann die Rohfassung dieses Kapitels aus der Handschrift publiziert werden. Über 80 Jahre nach Friedells Freitod lässt sich verfolgen, wie er das Kapitel teils skizziert, teils ausformuliert hat. Der Umriss des gesamten Werkes ist gefunden.

Heribert Illig hat über Friedell promoviert, das Manuskript aufgespürt, kommentiert und mit weiteren Ergänzungen zum Druck gebracht.

157 Seiten, 9 Abb., Pb.
ISBN 978-3-9288525-55
Preis 14,80 €

 

Rezensionen

Vollendet

Friedells „Altertums“-Werk ist komplett

Von Hildegard Lorenz [Münchner Merkur, 24. 04. 2020]

Bücher haben ihre Schicksale: Als Heribert Illig 1984 die zeitweise mit Egon Friedells Freund Walther Schneider liierte Dorothea Zeemann besuchte und auf ihre Ermunterung hin einen Koffer unter dem Bett hervorzog, machte er einen Sensationsfund: Er entdeckte Friedells Konzeption des bisher fehlenden Schlusskapitels seiner „Kulturgeschichte des Altertums“. Die Ausführung blieb ungeschrieben, da der Autor 1938, mitten in der Arbeit, im Freitod den einzigen Ausweg sah, der Verhaftung durch die NS-Schergen zu entgehen.

Mit Bleistift, aber mehrfarbig konzipiert, waren in den Unterlagen die Lesefrüchte aus Primär- und Sekundarliteratur mit Stellenangaben verzeichnet, manchmal auch schon im unnachahmlich leicht aphoristischen Denkstil ausformulierte Gedanken. So wie dieser zum Hellenismus: „Das Leben wird privat: das Glück im Winkel, die kleinen Freuden des Alltags und die großen Schmerzen der Liebe als Sinn des Lebens.“

Erst jetzt ist diese Konzeption erstmals erschienen, mit der man der auf Zettelkästen (allesamt verschollen!) basierenden Arbeitsweise des scheinbar so leichtfüßig-launigen Friedell auf die Spur kommt. Ergänzt wird der Band durch historische Fotos, der Ablichtung von Friedells Handschrift und sachkundigen Nachträgen des Herausgebers Heribert Illig.

Eine ebenso ausführliche wie zutreffende Rezension findet sich unter
https://www.kultur-port.de/index.php/kolumne/buch/16279-egon-friedell-der-schatten-der-antike-.html

Weitere Wirrungen um die ‚Fossa Carolina‘

von Heribert Illig

Im August gab es einmal mehr Aufregung um den Karlsgraben. Dabei hätten die Spezialisten gedacht, mit der 14C-Bestimmungen der im Kanal verbauten Hölzer seien alle Zweifel beseitigt. Doch es war Wolf Pecher, der einmal mehr für die Römer als Baumeister plädiert. Er hält die Führung der Kanal­-Trasse für „stümperhaft“, weil die erhaltenen Wälle klug geführt seien, dann aber die Trasse mit einer „abrupten 90-Grad-Wende“ in den Sumpf geführt worden sei. Um dieses Dilemma zu beheben, imaginiert er nach den römischen Baumeistern noch fränkische Kanalbauer, für ihn „Karls Schlamm­wutzler“.

Er liest er aus den Reichsannalen heraus, dass sie „Bezug auf ein bereits vorhandenes Bauwerk nehmen“ [Pecher]. Doch das lässt sich trotz Zitierens der entsprechenden Annalen-Passage nicht nachvollziehen.

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Die Umlenkrolle beim Pyramidenbau

Ein Hinweis von Heribert Illig dank der Achtsamkeit von Roland Welcker

Wer Bücher oder Fernsehsendungen zum Pyramidenbau konsultiert, greift sich regelmäßig an den Kopf. Völlig unbeirrt werden da Arbeiterkolonnen gezeigt, die auf mehr oder weniger steilen Rampen im Gleichschritt tonnenschwere Steinquader nach oben ziehen. Der Nachweis von Franz Löhner und mir, dass es sich hier um eine technische Unmöglichkeit handelt, störte weder Ägyptologen noch Techniker. Umso verblüffender war ein beiläufiger Satz in einer technikorientierten Fernsehsendung. Gemeint ist

ZDF info am 18. 08. 2019; 20:15 – 21:00
Hightech für den Alltag. Aufzug, Rolltreppe & Co.
Ein Film von Petra Thurn; © 2019
Dort war bei ca. Minute 35 zu hören:

„Die ersten Lastenaufzüge, wo Seile über Winden laufen, gibt es schon vor 4600 Jahren beim Pyramidenbau“,

begleitet von einer eigenen, animierten Grafik. Und selbst der Generaldirektor des Deutschen Museums, der Biophysiker Wolfgang Heckl, spannt seinen Berichtsbogen von den Pyramiden bis in die nähere Zukunft.

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Ein römisches Marschlager in Bielefeld-Sennestadt / Stieghorst

von Andreas Otte

Das kürzlich nachgewiesene Marschlager liegt in der Oerlinghauser Senne unmittelbar am Menkhauser Bach. Der Bach bildet gleichzeitig die Grenze zwischen der Stadt Bielefeld und dem Kreis Lippe bzw. der Stadt Oerlinghausen. Das besondere an diesem Fund ist:

  • das Gelände wurde zum größten Teil nie überbaut oder landwirtschaftlich genutzt
  • der Wall ist daher noch in großen Teilen vorhanden
  • es zeichnen sich zwei Clavicula-Tore ab

In römischer Zeit dürfte sich auf den Gelände ein lockerer Bestand von niedrigen Birken und Eichen in einer Graslandschaft am Rande des Teutoburger Waldes befunden haben. Im 19. Jh. wurde das Gelände aufgeforstet. Hierfür musste der Podsolboden bzw. Ortstein des Senner Sandbodens maschinell aufgebrochen werden, damit die Wurzeln der Bäume überhaupt greifen konnten.

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Ein Reiterlein zwischen Antike und Renaissance

Vergleiche zur ‚karolingischen Karlsstatuette’ von Heribert Illig

Hochberühmt ist die Reiterstatuette, die der Louvre bewahrt. Ehrfürchtig wird sie umwandert, soll sie doch eine, vielleicht sogar die erste plastische Porträtdarstellung aus dem Abendland sein – und selbstverständlich ein Höhepunkt der karolingischen Kultur. Wie ist der Stand der Forschung?

„Bei der sogenannten Reiterstatuette Karls des Großen handelt es sich um ein wohl 870 in Metz entstandenes Miniatur-Reiterstandbild mit einer Darstellung möglicherweise Karls des Großen, das wahrscheinlicher aber seinen Enkel Karl den Kahlen zeigtʺ [wiki: Reiterstatuette Karls des Großen].

Das ist nicht übermäßig viel. In der englischen Wikipedia wird zusätzlich ausgeführt, dass die 24 cm hohe, ursprünglich vergoldete Bronzefigur aus drei Teilen bestehe: Pferd, Reiter mit Sattel und sein Kopf. Claudia List [1983, 45 ff.] sah auch Schweif und Pferdefüße separat gegossen, ein Urteil, das nicht leicht abzugeben ist, weil die Statuette 1871 schwer beschädigt und repariert worden ist. Continue reading „Ein Reiterlein zwischen Antike und Renaissance“

Karl der Große, Sutri und der Investiturstreit

Eine Glosse von Heribert Illig

Die Kleinstadt Sutri in Latium hält Überraschendes bereit. Hier lag eine Etruskeransiedlung, wie viele typische Etrusker-Gräber im Tuffstein demonstrieren. Hier ist aber auch ein ganzes Amphitheater mit den Grobmaßen 50 x 40 m aus dem Felsen geschlagen worden.

Das Amphitheater von Sutri [Greenlinietours.com.cloud]
Das Amphitheater von Sutri [Greenlinietours.com.cloud]

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Die ach so schwierig zu datierende Santorin-Eruption

Mehr als eine Glosse von Heribert Illig

Seit rund 20 Jahren behindert der Ausbruch der Vulkan-Insel Santorin die Synchronisierung im östlichen Mittelmeerraum (ihr Name wird auch mit Santorini, Thera, Thira oder Kalliste wiedergegeben, der Kraterrest umfasst auch die Insel Thirassia und Aspronisi; später hinzugekommen sind Palea Kameni und Nea Kameni).

[Quelle: Wikipedia]
[Quelle: Wikipedia]

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