Schlagwort: Mittelalter

Notre-Dame und Charlemagne

von Heribert Illig

Die Schäden des fürchterlichen Brandes der Kathedrale Notre-Dame von Paris werden in Jahren noch nicht behoben sein. Aber etwas Gutes hatten sie denn doch. Der deutsch-französische Sender „Arte“ sendete am nächsten Abend nicht nur Berlioz‘ Requiem, aufgeführt in Notre-Dame, sondern auch eine fundierte Sendung über die gotischen Kathedralen [Le Goff/Glassman]. Der Film stammt aus dem Jahr 2010 und bringt so wesentliche Fakten, dass sie hier wiederholt werden:

Gotische Kathedralen enthalten – wie im Film Prof. Paul Benoît ausführte ‒ viel mehr Eisen als gedacht, bis zu 35 Tonnen. Dieses Eisen war in der notwendigen Qualität (ähnlich heutigem Baustahl) nicht mehr von Hand zu schmieden, weil das nur bis zu einem Stangendurchmesser von 30 mm geht. Doch ab Mitte des 12. Jh. gab es wasserbetriebene Hammerwerke; eines ist im Kloster Fontenay nachgewiesen und nachgebaut. Damit ließen sich auch stärkere, qualitativ gute Eisenstangen schmieden. Außerdem ließ sich im Film zeigen, dass der Chor von Notre-Dame von Anfang an mit Strebewerk gestützt worden ist. Demnach ist die Überlieferung richtig, dass an dieser Kirche bereits 1160 oder in den direkt nachfolgenden Jahren die ersten Strebebögen der Gotik errichtet worden sind. An der Kathedrale von Noyon, die 1157 begonnen worden ist, fehlten sie noch.

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Das Gero-Kreuz ‒ aus 10., 11. oder 12. Jh.?

von Heribert Illig

2012 hat unter Leitung von Prof. Bruno Reudenbach die Referentin Johanna Hoffmann über das Gero-Kreuz als „Der älteste Monumentalkruzifixus“ referiert und dabei folgende Punkte hervorgehoben:

Der Korpus misst 187 cm in der Höhe und 166 cm in der Armspanne. Der vermutliche Stifter sei Erzbischof Gero, doch gibt es eine kleine Datierungskontroverse zwischen 970/76 und um 1000 (G. Binding). „Das ‚Gero-Kreuz ist das älteste erhaltene Monumentalkruzifix“. Es wird auf den Wunderbericht des Thietmar von Merseburg hingewiesen, wonach Gero durch Einlegen einer Hostie in den Riss im Haupt der Skulptur diesen schließen konnte. Die kolportierte Behauptung, im Hinterkopf habe sich ein Sepulchrum (Aufbewahrungsort für Reliquien) erhalten, ist längst widerlegt. „Ältere groß-plastische Bilder des Gekreuzigten sind aus karolingischer und merowingischer Zeit in schriftlichen Quellen bezeugt, jedoch nicht selbst erhalten“ [Hoffmann]. Soweit der trockene Bericht in diesem Pro-Seminar, der Literatur erst ab 1964 benennt. Ergänzend: Die auffällige goldene Strahlensonne hinter dem Kreuz stammt erst von 1683 und fehlt auf unserer Aufnahme.

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Fossa Carolina – die unendliche Geschichte

Antwort auf Roland Knauer durch Heribert Illig

Knauer, Roland (2019): „Fragen zum Graben · Vor 1200 Jahren sollte der Karlsgraben Nordsee und Schwarzes Meer verbinden – nun wird das Meisterwerk erforscht“; FAZ, 1. 4. [enthalten im Frankfurter Allgemeine Archiv; hieraus sind die Zitate, sofern nicht anders vermerkt]

Vor kurzem ist wieder einmal ein Artikel zur Erforschung des Karls-Kanals zwischen Nordsee und Schwarzem Meer samt Mittelmeer erschienen – darunter geht es wohl für die überragende Karolingerzeit nicht mehr: „die Verbindung zum Schwarzen Meer und damit auch ins Mittelmeer“. Als wäre jemals ein Potentat auf die wirre Idee verfallen, 2.800 km die Donau bis zu ihrer Mündung durch Feindesland hinabzufahren, um nach einer noch viel größeren Strecke über Schwarzes Meer, Marmara-Meer, Ägäis, Ionisches Meer und Adria das damals karolingische Venedig zu erreichen…. Etwas konkreter gefasst verläuft der unvollendete Kanal zwischen Altmühl und Schwäbischer Rezat. Dabei gibt es vor Beginn der neuen Grabungssaison noch gar nichts Neues zu berichten, sofern es nicht aus den Labors stammt.

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Wiederholte Karls-Amnesie

von Heribert Illig

Korrigierte und erweiterte Version vom 10.03.2019 (rot markiert)

Es fällt auf, dass wissenschaftliche Autoren, die sich unter anderem mit Karl und den Karolingern befassen, unmittelbar vergessen können oder müssen, was sie gerade geschrieben haben. Das fällt bei der Entwicklung der abendländischen Bibliothek – was ihre Räume wie ihre Bestände betrifft – ebenso auf wie bei der Gewölbe-Evolution in Europa.

Abendländische Bibliotheken

In einem eigenen Buch hat der Verfasser des Kaisers leeres Bücherbrett festgestellt. Dieser Buchtitel verwies auf das Problem, dass mittelalterliche Bibliotheksräume sehr, sehr rar sind, egal ob erhalten oder wenigstens im Grundriss festgehalten (um von ihren Beständen ohnehin zu schweigen). Der Entwicklungsgang der klösterlichen Bibliotheken wäre dann klar, wenn es nicht den Idealplan von St. Gallen gäbe, der in die Zeit um 830 datiert wird. Er zeigt ein komplettes Kloster, direkt neben dem Chor der Kirche ein Skriptorium und darüber eine Bibliothek. Wer den Plan und den Werdegang der Bibliothek in seiner bislang vertretenen Form für richtig hält, gerät in massive Widersprüche. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass der Idealplan ins 12. Jh. gehört, womit die ohnehin unhaltbare karolingische Zeit eine weitere wichtige kulturelle Stütze verliert, mit den fehlenden Bibliotheken dieser Zeit die zweite, ebenso wichtige. Wie geht ein opulentes Werk über Bibliotheken mit diesem Dilemma um?
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Robert Soisson – Charlemagne · une légende? ou La reconstruction de la chronologie selon l’historien Heribert Illig

Robert Soisson
Charlemagne · une légende?
ou La reconstruction de la chronologie selon l’historien Heribert Illig
2019, BoD, Norderstedt, 59 Abb. und Tableaus, 246 S., 12 €

Robert Soisson legt hier eine Zusammenfassung der chronologischen Gedanken von Heribert Illig auf Französisch vor. Damit erhält erstmals auch dieser Sprachraum Informationen über Chronologiekritik. Er ist allerdings noch schwerer als andere Gebiete zu erreichen, weil der Glaube an Charlemagne dort noch deutlich höher rangiert als der an Karl den Großen in Deutschland. Bislang dürfte keine einschlägige Publikation auf Französisch erfolgt sein.

Damit wird der Stab in ein weiteres Land gereicht. Es begann 2002 mit Übersetzungen mehrerer Bücher von Illig ins Ungarische („Kitalált Középkor · A történelem legnagyobb időhamisítása“, Budapest). Es folgte 2014 von Emmet Scott „A Guide to the Phantom Dark Age”, New York. 2016 wurde „Wer hat an der Uhr gedreht?” zwar ins Italienische übersetzt, doch der Druck in letzter Minute gestoppt. Nun also eine Zusammenfassung auf Französisch.

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Der Beginn abendländischer Gelehrsamkeit ‒ nicht bei Karl Frank Rexroth

eine Rezension von Heribert Illig

Rexroth, Frank (2018): Fröhliche Scholastik · Die Wissenschaftsrevolution des Mittelalters; Beck, München, 505 S. [= R.]

Das voluminöse Buch schildert, „wie sich Schüler zu neuen Gruppen und ‚Schulen zusammenfinden, beobachtet ihre Treue zum Lehrer, ihre Rangstreitigkeiten und ihre lebenslangen Bindungen“. Hinter diesen persönlichen Beziehungen zeichnen sich „intellektuelle Veränderungen“ ab [R. Waschzettel]. Es hätte eine umfassende Rezension verdient, wird hier jedoch vorrangig unter der Fragestellung behandelt, ob die Wissenschaftsrevolution des 12. Jh. im 9. Jh. einen Vorläufer gehabt hat oder nicht.
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Der Stuttgarter Psalter

von Heribert Illig

Abstract: Die Handschriften seit der Spätantike geben durchaus Hinweise auf ihre Datierung, die von dem zugeschriebenen Alter erheblich abweichen können. Als Beispiel dient hier der Stuttgarter Psalter.

So wie bei Kruzifixen um und kurz nach 1200 der Korpus nicht mehr mit vier, sondern nur noch mit drei Nägeln am Kreuz befestigt wird, so zeigen sich auch bei den handschriftlichen Illustrationen solche relativ raschen Übergänge. Auffällig ist etwa bei den drei Weisen aus dem Morgenland der Wechsel von den phrygischen Mützen der drei Magier hin zu den Kronen echter Könige, die damit der uns heute vertrauten Verehrung der hll. Drei Könige entsprechen. Oder: Die Einführung des Steigbügels stellt ein Problem dar. Sie werden in Byzanz den östlichen Reitervölkern abgeschaut und dort noch vor 600 in die Heeresordnung aufgenommen. Der Archäologe findet sie im deutschen Osten ebenfalls um 600. Doch dann zerfasert die Entwicklungslinie: Bei den Karolingern werden kaum mehr Steigbügel gefunden; in ihren Handschriften gibt es Darstellungen ohne und dann mit Steigbügeln, obwohl ihre Einführung schon 200 Jahre zurückliegen sollte. Aber unter den Ottonen werden die Steigbügel erneut vergessen und gegen 980 neu erfunden [vgl. Illig 1999, 422 f.].
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Karl der Große: krank, kraft- und knochenlos

von Heribert Illig

Erweiterte Fassung am 10.03.2019 (rot markiert)

Wenn Angela Merkel und Emmanuel Macron in Aachen auf den Spuren Karls d. Gr. wandeln, dann ist ihr Ahnherr nicht weit. Landauf, landab erschienen ziemlich einheitliche Artikel, die sich mit dem Inhalt des Karlsschreins in Aachen beschäftigen. Hintergrund ist ein aktueller Aufsatz, in dem der Mumienspezialist Frank Rühli und der Anthropologe Joachim Schleifring eine Analyse der Knochen und Weichteile Karls vorlegten. Er ist im Januar in der Zeitschrift Economy and Human Biology erschienen. Je nach Rezensent sind nun die Körpermaße Karls, seine Krankheit zum Tode oder auch die Mumifizierung seines Körpers geklärt. Was ist davon zu halten?
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